Was ist Technikfolgenabschätzung?
- A Strukturierte Notizen zum Video mit H5P-Documentation Tool (Standardeinsatz)
- B Essayfrage mit Musterlösung (Standardeinsatz) integriert in Text
ca. 30-40 Min.
Was ist Technikfolgenabschätzung (TA)?
In den vorherigen Lerneinheiten haben wir verschiedene Technologien kennengelernt, die zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen können. Für die Energiewende sind nachhaltige Technologien beispielsweise unverzichtbar. Technologien sind jedoch keinesfalls nur die Lösung. Viele der massiven Probleme, die wir heute haben, wurden durch Technologien (mit)verursacht: Technologien, die auf der Nutzung und Verbrennung fossiler Rohstoffe beruhen, haben große Fortschritte und Wohlstand gebracht, haben aber auf der anderen Seite durch die massiven Treibhausgasemissionen den menschengemachten Klimawandel und viele weitere Umweltschäden verursacht – seien es (Plastik-)Müllberge, verunreinigte Gewässer oder Luftverschmutzung.
Diese schädlichen Folgen waren in der Regel zum Zeitpunkt der Entwicklung und Etablierung der Technologien nicht absehbar: Es gab weder ausreichend Wissen über mögliche Folgen noch die entsprechende Sensibilität, Nebenfolgen zu reflektieren. Um den Nutzen einer Technologie im Allgemeinen und deren Nachhaltigkeit im Speziellen zu bewerten, braucht es eine Perspektive, die nicht nur den kurzfristigen Nutzen sowie nicht nur die Folgen für eine kleine Zielgruppe einbezieht.
Genau hier setzt die Technikfolgenabschätzung an. Was diese macht und wie sie vorgeht, erklärt Prof. Armin Grundwald vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Neben seiner Professur für Technikphilosophie leitet er das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) sowie das Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Außerdem hat er schon früh eines der zentralen Lehrbücher zum Thema Nachhaltigkeit verfasst.
- Was ist das Ziel der TA? Wann wird sie eingesetzt und wie geht sie vor?
- Welche ist an der TA beteiligt?
- Welche Methoden nutzt die TA?
Herausforderungen und Anforderungen an die TA
Eine Technikfolgenabschätzung durchzuführen, ist ein komplexer Prozess mit verschiedenen Herausforderungen. Welch das sind, wird im folgenden Zitat von Ortwien Renn deutlich, der Professor für Umwelt- und Techniksoziologie an der Uni Stuttgart und wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) war.
Technikfolgenabschätzung kann dazu beitragen, auf mögliche Folgepotenziale hinzuweisen und damit prinzipiell vorhersehbare Fehler zu vermeiden. Vor allem kann sie eine Hilfestellung bieten, um auch in Zukunft Handlungsfreiheit zu erhalten, um bei einer möglichen Fehlentwicklung, also der Erfahrung überwiegend negativer Auswirkungen, flexibel genug zu sein, um auf andere Optionen ausweichen zu können.
(Renn, 2014)
Renn stellt in Bezug auf die Technikfolgenabschätzung drei Forderungen auf:
Dabei muss sie zweitens zwischen der wissenschaftlichen Identifizierung der möglichen Folgen und ihrer Bewertung funktional trennen, dabei jedoch beide Schritte diskursiv miteinander verzahnen.
Drittens sollte sie ein schrittweises, rückkopplungsreiches und reflexives Vorgehen bei der Abwägung von positiven und negativen Folgen durch Experten, Anwender und betroffene Bürger vorsehen.“ (ebd.)
Literatur
Renn, Ortwien (2014): Mit Sicherheit ins Ungewisse. Möglichkeiten und Grenzen der Technikfolgenabschätzung - Essay. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (06-07). Zitiert nach https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/177759/mit-sicherheit-ins-ungewisse.
Als nächstes werfen wir mithilfe eines Textauszugs von Armin Grunwald noch einen Blick darauf, an welche drei Hauptgruppen sich die Ergebnisse der Technikfolgenabschätzung richten.
Adressat:innen der Technkfolgenabschätzung*
von Armin Grunwald
Technikfolgenabschätzung will also Technikfolgen vorausschauend erforschen, Orientierung ermöglichen und "Wissen zum Handeln“ für Gesellschaft und Politik bereitstellen. Die Vielfalt der Kontexte und Adressaten bringt es mit sich, dass TA sehr unterschiedlich konzipiert werden kann. Eine Fülle von Konzepten wurde entwickelt und teils erprobt (vgl. Grunwald 2010). Dabei haben sich drei primäre Adressatenfelder herausgebildet: politisches System, demokratische Öffentlichkeit und die Technikentwicklung
Politikberatung
Standardsetzungen, Regulierungen, Deregulierungen, Steuergesetze, Verordnungen, Forschungs- und Technologieförderung, internationale Konventionen oder Handelsabkommen, die auf Basis nationaler Vorstöße zustande kommen und die national ratifiziert werden, etc. beeinflussen auf verschiedene Weise den Gang der Technikentwicklung und -diffusion. Staatliche Institutionen und politische Akteure üben daher in unterschiedlichen Weisen Einfluss auf die technische Entwicklung aus. Politikberatende, insbesondere parlamentarische TA erstreckt sich nur auf die öffentlich relevante und politisch zu entscheidende Technikaspekte wie z.B. Sicherheits- und Umweltstandards, den Schutz der Bürger vor Eingriffen in Bürgerrechte, Prioritätensetzung in der Forschungspolitik, die Gestaltung von Rahmenbedingungen für Innovation etc. Hier geht es also um die Rahmenbedingungen, unter denen Wissenschaftler und Ingenieure arbeiten und unter denen in der Wirtschaft Technik entwickelt und auf den Markt gebracht wird. Im parlamentarischen Bereich stellen sich Erwartungen und Anforderungen an TA hingegen in anderer Weise als in der Beratung von Fachreferaten in Ministerien, Behörden oder der EU-Kommission. Um sie zu realisieren, wurden unterschiedliche Formen der Institutionalisierung parlamentarischer TA ausgeprägt, welche in europäischen Ländern häufig auch mit den unterschiedlichen politischen Kulturen verbunden sind (PACITA 2012). Das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (Petermann/Grunwald 2005) arbeitet nunmehr seit bald 30 Jahren für das Parlament. Bio- und gentechnische Fragen sind häufig Anlass für TA-Studien (vgl. Sauter 2005)
Öffentliche Debatte
Die seit Beginn der TA immer wieder erhobene, anfangs jedoch kaum eingelöste Forderung nach Partizipation von Betroffenen, Stakeholdern oder Bürgern erfolgte vor allem vor dem Hintergrund der Bewertungsproblematik. Bewertungen sollten weder den wissenschaftlichen Experten (Expertokratie) noch den politischen Entscheidern (Dezisionismus) allein überlassen werden. Stattdessen ging es je nach Konzept darum, auch gesellschaftliche Gruppen, Interessenvertreter, betroffene Bürger oder auch ganz allgemein "die Öffentlichkeit“ in den Beratungs- und Bewertungsprozess einzubeziehen. Partizipative TA (Joss/Belucci 2002) beteiligt daher Personen und Gruppen außerhalb von Wissenschaft und Politik. Insbesondere sollen Beratungen über zukünftige Technik – einschließlich der Identifikation der Themen zur öffentlichen Förderung von Forschung und Entwicklung neuer Technologien – unter größtmöglicher Beteiligung der Öffentlichkeit erfolgen. Entsprechend trägt TA in diesem Feld zu einer lebhaften und informierten öffentlichen Debatte über Technik bei.
Mitwirkung an der Technikgestaltung
Angesichts der Tatsache, dass Technikbewertung in der Erforschung und Entwicklung von Technik durch Ingenieure und in der Wirtschaft grundsätzlich betrieben werden muss, wenn z.B. eine Techniklinie als aussichtsreich, eine andere als Sackgasse bewertet wird, wenn zukünftige Produktchancen bewertet werden oder ein neues Produktionsverfahren im Betrieb eingeführt werden soll, kann TA auch direkt dort, d.h. an der Entwicklungsarbeit in Labors ansetzen. Nach Maßgabe der VDI-Richtlinie zur Technikbewertung (VDI 1991) sollen auch im Entwicklungsprozess Bewertungen nach gesellschaftlich anerkannten Werten erfolgen, die auch öffentliche Belange wie Sicherheit, Gesundheit und Umweltqualität einschließen. Diese Werte sollen das technische Handeln prägen und von den Ingenieuren in die Technik quasi eingebaut werden. Dadurch soll die Technikentwicklung in die "richtige“ Richtung gelenkt und sollen Fehlentwicklungen vermieden werden.
Literatur
Joss, S., Bellucci, S. (Hg.) (2002): Participatory Technology Assessment – European Perspectives. Westminster.
VDI – Verein Deutscher Ingenieure (1991): Richtlinie 3780 Technikbewertung, Begriffe und Grundlagen. Düsseldorf.
Sauter, A. (2005): TAB-Projekte im Themenfeld "Grüne Gentechnik“. In: Petermann, T., Grunwald, A. (Hg.): Technikfolgen-Abschätzung am Deutschen Bundestag. Berlin.
PACITA (2012): TA Practices in Europe. Report of the PACITA project. (PDF)
